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Famulaturberich: KAPSTADT, SÜDAFRIKA

EINE FAMULATUR AM ANDEREN ENDE DER WELT

August 2005

Zahnmedizinstudium: Famulatur im Ausland

Nachdem wir ungefähr ein Jahr zuvor mit der Organisation dieser Auslandsfamulatur begonnen hatten und eine Menge Spenden der Dentalindustrie, aber auch Unmengen von Handschuhen gesammelt hatten, standen wir nun endlich am 5. August 2005 am Flughafen in Frankfurt am Main und fieberten unserer Famulatur in Kapstadt entgegen.

Nach zwölf Stunden Flug und einer zurückgelegten Distanz von ca. 12.000 Kilometer auf das andere Ende der Erde hatten wir den Sommer in Münster hinter uns gelassen und landeten im südafrikanischen Frühling. Dieser zeigte sich uns an diesem Morgen um 6 Uhr Ortszeit allerdings eher von der diesigen Seite mit sehr viel Nebel, sodass wir das wuchtige Massiv des Tafelbergs nur schwer erkennen konnten.

Nachdem wir unseren Mietwagen in Empfang genommen hatten, stellte sich für uns die Frage, wer von uns die erste Etappe auf südafrikanischem Boden mit Linksverkehr nach einer sehr unruhigen Nacht im Flugzeug zurücklegen musste. Der Nebel hatte sich glücklicherweise gelegt und so fuhren wir zunächst noch sehr langsam auf die Stadtautobahn Richtung Tamboerskloof, wo sich unser Gästehaus befand. Der Weg führte vorbei an den Holz- und Wellblechhütten der Townships entlang der Autobahn, an den Wolkenkratzern von Downtown Kapstadt und eleganten Villen.

Voller Tatendrang machten wir uns, nachdem wir uns schon etwas in Kapstadt eingelebt hatten, am darauffolgenden Montag auf den Weg zum Tygerberg-Campus, wo wir den ersten Teil der Famulatur an der dortigen Zahnklinik verbringen wollten. Nachdem Prof. Parker die letzten organisatorischen Dinge vor Ort geklärt hatte, wurden wir von Dr. Dyson durch die Klinik geführt und sämtlichen Ärzten und Professoren vorgestellt. Unser Tätigkeitsbereich beschränkte sich auf das "Department for Orofacial and Maxillofacial Surgery", wo wir nach einer kleinen Eingewöhnungszeit selbst Patienten behandelten und den ein oder anderen Vormittag im OP standen, um den dort arbeitenden Zahnärzten tatkräftig zur Seite zu stehen. So wurden neben retinierten 8ern auch so manch anderer Zahn extrahiert, Lappen präpariert und anschließend wieder zugenäht – alles in allem Tätigkeiten, an die man als Student in Deutschland nicht mal ansatzweise denken kann.

Da uns die Behandlung von einigen wenigen Patienten der zahlungswilligen Kapstädter Mittelschicht nicht ausreichte, verbrachten wir den zweiten Teil unserer Famulatur in der Township-Klinik in Guguletu, wo auch schon vor uns Famulanten aus Münster werkten.

Mittlerweile neu war, dass uns durch die Uni nahe gelegt wurde, sich auf keinen Fall mit dem Mietwagen auf eigene Faust auf den Weg zu der Klinik zu machen, sondern auf einen Transfer mit einem Fahrer vom Uni-Campus zur Klinik zu fahren. So brachte uns Antony, der Fahrer, jeden Tag sicher zur Arbeit und auch wieder zurück. Dieser Weg führte uns direkt durch das Township Guguletu, vorbei an den Wellblech- und Holzhütten, die wir schon am ersten Tag von der Autobahn gesehen hatten.In den Straßen lagen Berge von Müll, dazwischen spielende Kinder und streunende Hunde. Dann wieder ein ausgemusterter Container, der als Friseursalon oder Geschäft umfunktioniert worden war.

Am ersten Tag wunderten wir uns noch darüber, dass wir die einzigen Weißen waren, doch spätestens als Antony uns ein Mahnmal aus vergangenen Apartheitszeiten zeigte, in Gedenken an eine Weiße, die trotz ihrer Bemühungen gegen die Apartheit zu kämpfen, von Schwarzen hingerichtet wurde, so wurde uns klar, warum wir hier nicht alleine langfuhren.

An der Guguletu Community Dental Unit angekommen, wurden wir schon im Wartebereich von ca. 100 Schwarzen neugierig angeschaut. Nachdem uns Dr. Ferreira, der hier als Zahnarzt arbeitet, vorgestellt wurde und das von uns mitgebrachte Spendenpaket mit Freude ausgepackt wurde, konnten wir auch schon sofort mit der Arbeit beginnen. Jeden Vormittag wurden ca. 70 Patienten behandelt, mehr konnten für diese kostenfreie Behandlung nicht zugelassen werden. Viele der Patienten hatten noch nie zuvor einen Zahnarztstuhl gesehen und kamen mit wirklichen Schmerzen auch von weiter her in die Klinik, sodass wir sehr viele Zähne extrahieren mussten, da eine Erhaltungswürdigkeit infrage gestellt wurde. In einigen Fällen wurden Füllungen gelegt, dies stellte aber eher die Ausnahme dar. Unsere Hauptaufgabe bestand somit darin, mit den wenigen und meist nicht mehr als Extraktionszangen zu erkennenden Instrumenten die Zähne der Patienten zu entfernen. Auf Grund der hohen HIV-Rate schützten wir uns mit doppelten Handschuhen und befolgten den Rat, den uns Dr. Ferreira gab, nur in Ausnahmefällen einen Hebel zu verwenden. So konnte Tag für Tag auf ein Neues das Abenteuer Zahnmedizin beginnen.

Gerade bei den Kleinkindern war bei der Behandlung oft Eile geboten und so stellte sich im Laufe der Zeit die nötige Behandlungsroutine ein und die Behandlungszeit der Patienten konnte drastisch herabgesetzt werden. So gab es genug Zeit, so manche Kapstadt-Tipps von einem echten Cape-Townian wie Dr. Ferreira zu erfahren, was sich für die Freizeitgestaltung als sehr vorteilhaft erwies.

Da wir während der zweiten Famulaturhälfte die Nachmittage meist zur freien Verfügung hatten, bot sich neben den freien Wochenenden genug Zeit, Kapstadt und die nähere Umgebung zu erkunden. So fuhren wir zum Cape of Good Hope, wo wir von einer Horde wilder Affen belagert wurden, kletterten auf den Tafelberg, besichtigten Weingüter – wo wir auch den ein oder anderen Wein testeten, besuchten die Brillenpinguine in Boulders Beach, gingen auf Walbeobachtung in Hermanus, bewunderten die Flora und Fauna in Kirstenbosch Botanical Gardens, gingen mit einem Hochgeschwindigkeitskatamaran auf Spuren der Apartheit auf Robben Island, genossen die Strandtage in Camps Bay und in Clifton – mit anschließendem Sun-Downer-Cocktail, fühlten uns als Großgrundbesitzer bei dem Besuch der Farm unseres Gästehausinhabers, bewunderten Wildblumen auf dem Weg durch die Cederberge nach Wupperthal und besuchten den West-Coast National Park. Weitere Highlights waren das leckere und preiswerte Essen in den Restaurants in und um Kapstadt sowie die Besuche von Märkten und Geschäften, wo neben Masken, Holzfiguren und bunten Bildern auch Spielzeug aus Recyclingstoffen wie Cola-Dosen, Telefondraht und Kronkorken an den Mann gebracht wurden.

Auch der Besuch des Kapstädter Nachtlebens kam nicht zu kurz. Nach einem leckeren Essen in einem der vielen guten und sehr preiswerten Restaurants ging es entweder ins Dissys einer Karaoke-Bar oder in eine der vielen Nobeldiskos direkt am Strand in Camps-Bay oder direkt in die Innenstadtin eine der zahlreichen Kneipen auf der Long Street oder – als absolutes Highlight – ins Hemisphere einer Diskothek mit Cocktailbar im 32. Stock eines Hochhauses im Bankenviertel von Kapstadt. Nach unserer Zeit des Arbeitens in Kapstadt erkundeten wir auf der Garden Route die wunderschöne und einzigartige Landschaft im Wilderness- und Tsitsikamma-National-Park sowie in der Wüste Karoo, bezaubernde Städte wie Knysna, wanderten durch den Regenwald, beobachteten Wale und Haie, gingen im Schotia Game Reserve auf Safari und übernachteten in einer Lodge mitten in der Wildnis.

Alles in allem kann man sagen, ist Südafrika ein sehr vielseitiges, jedoch auch sehr gegensätzliches Land. Trotzdem hat uns dieses Land mit seiner Landschaft und den unterschiedlichen Kulturen sehr fasziniert. In solch einer schönen Kulisse zu arbeiten, das Gefühl zu haben, man bewirkt mit seiner Arbeit etwas und lernt eine Menge Neues, ist eine uns nicht zu nehmende Erfahrung und an jeden weiterzugeben.

Oliver Laugisch, Catrin Windbichler, Ina Scharenberg

Erschienen in dentalfresh Ausgabe #2/06

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