Famulaturbericht: MANGAIA, COOK ISLANDS
August/September 2005
Zahnmedizinstudium: Famulatur im Ausland
Die Anreise war angenehmer als ich es mir vorgestellt habe. Nach über 30 Stunden im Flugzeug, und dem Flug über die Datumsgrenze - man erlebt also einen Tag zweimal - war ich zwar müde, aber nicht so schachmatt wie ich es mir vorgestellt hatte.
Ich flog direkt nach Mangaia mit Zwischenlandung in Rarotonga, der Hauptinsel der Cook Islands. Auf Mangaia wurde ich freundlich empfangen und von Dr. Ta Vaine (BigMan) abgeholt und zu meiner Unterkunft gebracht. Ich verbrachte meine Zeit auf Mangaia mit einer einheimischen Familie. Dies half mir sehr die Kultur der Insulaner besser zu begreifen. Ich empfand das als sehr angenehm.
Mangaia ist nach Rarotonga die größte Insel der Cooks. Und mit Sicherheit auf den ersten Blick eine der langweiligsten, wenn man als Tourist unterwegs ist. Und doch hat Mangaia wahnsinnig viel zu bieten. Eine wunderschöne Landschaft, ein fantastisches Riff, und wahrscheinlich die nettesten Menschen im ganzen Pazifik. Es gibt so gut wie keine Touristen, die Einheimischen sorgen aber dafür, dass man sich schnell wie ein "Cook Islander" fühlt. Beispielsweise wird mit den Händen gegessen, man bekommt sowieso nur einheimische Kost. Das ist im wesentlichen Fisch, tropische Früchte und sonst alles was auf der Insel wächst.
Die zahnmedizinische Versorgung ist im Wesentlichen gewährleistet. Es gibt einen Zahnarzt auf der Insel, der die Studenten liebevoll betreut. Die Zahnklinik hat eigentlich alle Materialien, die man für die konservierende Behandlung braucht. Prothetik und KFO ist aber nur begrenzt möglich. Leider ist Röntgen auch nur beschränkt möglich, weil die Chemie und die Filme sehr teuer sind. Wenn etwas alle ist, ist es eben alle… Die meisten Materialien kommen aus Deutschland, die Klinik lebt von den Spenden, die die Studenten mitbringen.
Mehrmals im Jahr kommen deutsche Studenten zum Arbeiten nach Mangaia und die Insulaner sind sehr froh darüber. Sie sehen es als eine Gelegenheit sich ihre Zähne restaurieren zu lassen, denn der ansässige Zahnarzt genießt nicht gerade ihr Vertrauen. Wenn es weh tut und man weiß nicht weiter, wird eben extrahiert…
Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich mich ausgeschlafen hatte, ging ich dann zur Zahnklinik, welche etwa 500 Meter von meiner Unterkunft entfernt lag, und habe erstmal meine mitgebrachten Spenden abgeliefert. Das Ledermix und die Plaquefärbetabletten erfuhren besonders große Begeisterung. Ich erhielt eine kurze Einweisung in den Ablauf und die Geräte und machte mich dann mit den Materialien und dem Instrumentarium vertraut.
Die "Turbine" wird mit Notstromaggregat betrieben, alles andere ist mindestens 30 Jahre alt, der Stuhl noch älter. An der Wand hängt ein altes, verrostetes Röntgengerät, welches aber nicht mehr funktioniert. Es gibteinen Behandlungsstuhl für Kinder und einen für Erwachsene. Einen Silamat und eine Helio-Leuchte haben meine Vorgänger mir überlassen. Eine Absauganlage gibt es nicht, die Patienten spucken einfach in eine Nierenschale. Überhaupt arbeitet man alleine, ohne Assistenz. Eine Helferin gibt es nicht, was natürlich die Behandlung in die Länge zieht. Man behandelt auch nur im Stehen. BigMan sitzt dann daneben an seinem Schreibtisch, kann nicht wirklich helfen, weil er die meisten Materialien, die wir verwenden, gar nicht kennt. Calciumhydroxidpräparate zum Beispiel waren ihm völlig unbekannt, obwohl sie stapelweise dort im Regal lagern.
An Montagen ist "School Day", das heißt, man geht in die Schulen und führt das "Oral Health Education Programm" durch. Ich dachte Wunder was das ist, und habe mich ziemlich darauf gefreut, weil ich ein wenig Abwechslung erwartete. Nach etwa einer Stunde Fahrt auf die andere Seite der Insel, nach Tamarua Village, stiegen wir aus dem Auto und uns kamen schon die Schulkinder mit ihren Zahnbürsten in der Hand freudig entgegengelaufen. Aber irgendwie zählte ich nur sieben Kinder, und wunderte mich, wo die anderen blieben. BigMan setzte sich unter einen Baum in den Schatten und gab ein paar Anweisungen. Die Kids fingen an einem Wasserhahn an, sich die Zähne zu putzen. Wobei ich keine Putztechnik erkennen konnte und mich auch nicht im Geringsten wunderte, dass die meisten Gebisse in einem desaströsen Zustand waren. Danach holte jedes Kind sich bei Uncle BigMan einen Tropfen Elmex-Gelee ab und fuhr sich mit der Bürste ein- oder zweimal durch den Mund. Dann gingen die mit Schaum vor dem Mund wieder in ihre Klassen. Das war das "Oral Health Education Programm"… Ich habe mich doch sehr gewundert, zumal BigMan mir die Tage vorher immer erzählt hat: "Wir gehen in die Schulen und fluorodie-ren jedem Kind die Zähne!" Ich hatte doch ein wenig mehr Arbeitsaufwand und Enthusiasmus erwartet.
Die Uhren gehen in diesen Gefilden etwas anders. Die Patienten kommen, wenn sie Lust und Zeit haben. Ich hatte also genügend Zeit mich in der "Zahnklinik" ein bisschen besser umzuschauen. Ich musste feststellen, dass alles in einem schlechteren Zustand ist als es sein müsste. Ich denke mit ein bisschen mehr Einsatz und fachkundigem Personal wäre eine weit bessere Versorgung möglich. Die Materialien sind im Prinzip alle vorhanden, nur werden sie in irgendeiner Ecke gehortet, oder man weiß hier nichts damit anzufangen. Nur die Extraktionsinstrumente liegen sortiert in einem Schrank. Die meisten Instrumente sind verrostet und nicht mehr scharf oder anderweitig unbrauchbar. Die Ordnung lässt doch sehr zu wünschen übrig, man findet sich schwer zurecht, weil alle Materialien und Arbeitsgeräte durcheinander liegen.
Der Zustand der Gebisse auf Mangaia ist schlichtweg miserabel. Seit kurzer Zeit müssen Erwachsene die Behandlung bezahlen, für Kinder und Senioren ist es immer noch umsonst. Allerdings haben schon Kinder im Alter von 11, 12, 13 Jahren eine Ruine im Mund und man kann froh sein, wenn man den Defekt noch mit einer Füllung versorgen kann. Die Kinder werden einfach aus der Schule geholt, um saniert zu werden. Wenn man mit einem Kind fertig ist, sagt man es solle bitte das nächste schicken. Das Schlimmste daran ist nur, dass man nicht viel machen kann.
Die Kids werden alle sechs Monate zum Zahnarzt geschleift (eine Art halbherziges Recall-System), und immer wenn zweimal im Jahr ein paar Deutsche da sind, werden Füllungen gelegt wie am Fließband. Man hilft zwar den Menschen vor Ort damit viel, jedoch besteht hier viel mehr Aufklärungsbedarf.
Hier wird in jeden Zahn, bei dem man nicht weiter weiß, Ledermix reingeknallt. Eigentlich sind das alles Fälle für eine Endo, aber ohne Röntgen ist das schlecht möglich. Also reinigt man die Kanäle so gut wie möglich mit Calxyl oder Ähnlichem und macht wieder eine Füllung oben drüber. Manchmal tue ich mir schwer mit meinen Gewissen, aber es geht halt nicht anders. Manche Dinge musste auch ich eben nach dem "Mangaien Style" machen. "Mangaien Style" sind sicher auch die Prothesen, die hier gebastelt werden. Auch wenn manchmal nur ein Frontzahn fehlt, wird dieser ersetzt mithilfe einer sogenannten "Löffelprothese". Das ist im Prinzip nur eine schleimhautgetragene Platte mit einem einzigen Zahn. In Deutschland wäre das sicher nicht möglich, aber dort vor Ort macht es die Menschen wahnsinnig glücklich. Vor allem kleine Mädchen freuen sich wie an Weihnachten. Außerdem ist das Ganze nur als Provisorium anzusehen, bis die Patienten nach Rarotonga können und eine adäquate, definitive Versorgung bekommen.
Das Leben auf Mangaia ist ein wenig anpassungsbedürftig, wenn man das zivilisierte Deutschland gewöhnt ist. Gekocht wird auf dem Feuer, Nahrungsmittel sind teuer. In dem einzigen Shop auf der Insel sind die meisten Konserven,die man kaufen kann auch schon abgelaufen. Wasser gibt es eigentlich ab 17.00 Uhr. Meistens kommt es aber auch später, manchmal auch gar nicht. Allerdings ist es immer eiskalt, auch wenn es draußen sehr heiß ist. Das ist es um diese Jahreszeit aber ziemlich selten. Also wird der Kreislauf immer schön angekurbelt. Zudem frage ich mich immer mehr, wo das Wasser eigentlich herkommt. Ist das Regenwasser und kommt die gelbliche Färbung durch die verrostete Apparatur? Nach ein paar Tagen hatte das Wasser nämlich eine ganz normale, ansehnliche Farbe. Und wird es noch unterwegs extra gekühlt? Wasser in der Südsee kann doch nicht so kalt sein. Das Stichwort Rost erinnert mich an die tägliche Arbeit. Ich habe mich immer geärgert, dass nicht alle Bohrer in das Handstück passen. Gleichzeitig habe ich mich gewundert, warum da immer so ein Drahtbürstchen neben den Watterollen liegt. Bis BigMan mir zeigte, dass man einige Bohrer erst vom Rost befreien muss, damit sie in die Fassung passen …
An einem Nachmittag sprach mich der Doktor an, ob ich mir eine Patientin mit LKG-Spalte anschauen könnte. Ich war allerdings etwas verwirrt als sie sagte, die Patientin wäre schon über 70. Ich zweifelte schon an meinem Gehör und an meinen Englischkenntnissen. Ich sagte Dr. Wynn, sie solle sie einfach mal vorbeibringen, denn ich wollte das wirklich mal sehen. Die Frau hat fast 70 Jahre mit einer Gaumenspalte gelebt und es wussten nur wenige Leute auf der Insel. Ich habe eine Zeichnung gemacht für eine Platte. BigMan hat das wohl verstanden und dann haben wir arrangiert, dass sie nach Rarotonga kam, denn in Mangaia fehlen dafür die Materialien.
Ich kann die Insel Mangaia nur jedem empfehlen, der die Cook Inseln wirklich kennenlernen will. Behandlungstechnisch kann man sich hier absolut austoben. Jeder, der selbstständig arbeiten will, ist hier richtig. Die Leute sind liebenswürdig und wohlwollend, jeder deutsche Student ist willkommen, egal wie lange oder kurz man bleiben möchte.
Die anderen Inseln sind natürlich auch sehenswert, und wenn man die Zeit hat, sollte man sich auf alle Fälle noch Aitutaki anschauen. Auch hier gibt es eine Zahnklinik, in der man arbeiten kann. Über Rarotonga muss man sowieso fliegen, bei der Gelegenheit kann man sich in ein paar Tagen die Insel anschauen. Die Zahnklinik hier ist die größte auf den Cooks. Hier wimmelt es nur so von deutschen Studenten. Nachmittags werden immer ein bis zwei Erwachsene behandelt.
Matthias Faber
Erschienen in dentalfresh Ausgabe #3/06
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