Zahnileben
Ein ganz normaler Tag aus dem Leben eines ganz normalen Zahnis…
Beep, Beep,… Beep, Beep – verdammt, kommt mir vor, als wäre ich gerade erst ins Bett gegangen – OK waren ja auch nur vier Stunden Schlaf – aber für ne Party am Mittwochabend nimmt man schon mal ´nen Kater am Donnerstag in Kauf… sind doch heute eh nur n paar Kunststofffüllungen zu machen und vorsorglich ist das Opfer, ähm, der Patient ja eh schon ne halbe Stunde später einbestellt. Macht schon Sinn, dass man sich als Student selbst um die Termine kümmern muss. Also raus aus der Koje – aber wem gehört der Arm da auf meiner Brust?!? Jetzt fällt`s mir wieder ein – die kleine BWL-Maus die mich gestern auf der Party gefragt hat, ob ich Zahntechnik oder Zahnarzt studiere – geile Frage übrigens und immer gut, wenn man nebenbei noch erwähnen kann, dass man ja demnächst Daddys Praxis übernimmt...
OK, die Kleine ist vom Wecker nicht wach geworden – puh, Glück gehabt! Hatte sonst womöglich noch um ne zweite Runde gebettelt – keine Zeit: Die Paro-Vorlesung ist eh schon verpasst und es fehlen noch so viele Füllungspunkte, dass für Sentimentalitäten keine Zeit ist – also raus aus der Koje, unter die Dusche und dann offen zur Uni – ungeachtet der noch etwas frischen Temperaturen an diesem sonnigen Morgen…
Die erste Kippe schon schnell im Cabrio geraucht und dann nix wie rein in die Zahnklinik und runter zu den Spinden – die D&G Jeans gegen den BP Klinikdress getauscht – das weiße Polo Ralph Lauren kann anbleiben – am Automaten n Cappuccino gezogen und noch schnell für ne zweite Kippe in den miefigen Raucherraum – zusammen mit den Helferinnen und den tapferen Kommilitonen.
Scheiße – Testatheft vergessen – noch mal runter zum Spind und dann nix wie rein in die Abteilung. Die Schlange an der Instrumentenausgabe wird erstmal ignoriert und die Einheit in der Box angeworfen – fürs Durchspülen bleibt keine Zeit und wer weiß schon, ob Legionellen wirklich krank machen…
Schweißperlen auf der Stirn – die Assistenzärztin ist schon da und beäugt aus der Ferne meine Bemühungen – die ist ja gestern auch schon um kurz nach drei mit so nem fiesen KFO-Assi abgerauscht…
Egal, also ab zur Ausgabe – die Schlange ist schon kürzer – schnell noch den Ausgabezettel ausfüllen: Kofferdam-Set, Klammer 17, Kunststoff-Set, Lampe – die Mädels an der Ausgabe sind gut gelaunt und in Plauderlaune – „keine Zeit“ – zurück zum Platz – Tray auspacken, stummen Diener abdecken, schnell noch n paar Wattepellets und Watterollen drapieren, H2O2 startklar machen – Kavitätentoilette ist schließlich Pflicht! Checkliste durchgehen: rotes und grünes Winkelstück liegen bereit, Püsteraufsätze angebracht, Speichelsauger startklar… Blick zur Uhr – Mist, schon viertel nach neun und der Patient wird wohl gerade ungeduldig! Hastig zur Leitstelle und die Akte ergattern – die Mädels an der Leitstelle sind schon leicht genervt, da heute schon mindestens 14 Patienten die Praxisgebühr mal wieder vergessen haben…
OK, das Opfer ausrufen, kurzer Handshake und mit dem Patienten im Schlepptau zurück zum Platz… hm ist n ahnungsloser TPK-Student mit n paar alten Fissurenversiegelungen die nicht mehr pralle aussehen – einziger Lichtblick für Ihn: er muss nix bezahlen – für Kommilitonen arbeiten wir gratis! OK, ab auf den Stuhl, Schlabberlätzchen umgebunden – gab bei der letzten Sitzung schon genug Ärger, als der Pulli nach der Zahnreinigung rosa gefärbt war…
Lämpchen an und auf die Assistenzärztin warten – huch, Uhr vergessen abzunehmen – schnell die Breitling vom Arm geschüttelt und in ner Schublade verschwinden lassen - wo bleibt eigentlich meine Stuhlassistenz – die Kleine aus dem zweiten Semester hat zwar noch kein Gesundheitszeugnis und Null Ahnung aber Sie sieht frisch und gesund aus – außerdem ist sie sweet… und zu spät! Egal, kurz den abfälligen Blick der Assistenzärztin kassiert und berichten was zu tun ist – Lämpchen aus und Klammer in den Kofferdam friemeln – Mist: eingerissen – neues Spanngummi raus und noch mal von vorne – passt – Handschuhe an – Mundschutz auf – OK: „Mund auf“ – schnell noch die Lampe einstellen und dann die Geschicklichkeitsübung mit der Zange die Klammer auf dem 17er zu platzieren – hat aber keinen schönen Unterschnitt – knallt immer wieder runter – der Puls wird schneller und die Schutzbrille beschlägt – Nase aus dem Mundschutz holen und noch mal von vorne! Wo bleibt meine kleine Assistentin?! OK, die Klammer hält – „Augen zu“ – Kofferdam aufspannen – wie ich die Farbe grün hasse! Opfer noch ein Stückchen weiter nach hinten fahren und ab geht’s mit dem roten Winkelstück – Mist, Sauger vergessen und Patient ertrinkt beinahe – muss er den Sauger eben selber halten: „Kannst Du gleich mal üben wie das geht – so, da hinhalten und Mund schon weit auf!“
Also wieder mit dem roten und auf voller Drehzahl – erstmal die alte Fissurenversieglung rausbohren – drunter natürlich alles braune Matsche – noch so`n Opfer dem die Eltern mit ner Fissurenversiegelung was Gutes tun wollten. Aber Mitleid kann man sich als Zahni selten leisten also von rot auf grün gewechselt: „So, jetzt verteibt der Rubbelbohrer die Zahnteufelchen aus dem Zahn…!“ – ist also aus der Kinderzahnheilkundevorlesung doch was hängen geblieben – Wasserkühlung aus und schnell „drauflosgerubbel“!
„Sorry, musste mich noch für`s Vorphysikum anmelden!“ – na da ist ja meine Assistentin – so, der Patient kann sich entspannen und den Sauger loslassen – „weiterrubbeln“ – OK, zwar noch n bisschen braun aber nicht mehr rizbar… und hört sich auch schon ganz gut an! Lämpchen an und warten – Assistenzärztin prokelt mit der Sonde und bleibt noch wo kleben – also „weiterrubbeln“ – so, nun ist aber gut… OK: Unterfüllung muss nicht: „moderne Dentinadhäsive sind n prima Wundverband“ – welche Farbe? Mist, hätte man vielleicht vor dem Kofferdam checken sollen – egal ist ja im Oberkiefer und ganz hinten: „Wir nehmen dann mal eine etwas hellere Fehlfarbe – dann sieht ein Folgebehandler auch besser wo die Füllung ist und wo der Zahn…“ – so, die kleine Assistentin mal schnell zur Ausgabe schicken „A2“ holen – schnell, schnell anätzen, abspülen, Primer, püstern, Bonding, Licht, erste Schicht Kunststoff – Lämpchen an und der Assistenzärztin vorzeigen – natürlich noch nicht aushärten – „das erste Inkrement ist ausgesprochen wichtig, damit es nicht zu Spannungen in der Füllung kommt“ – OK, sie ist zufrieden – Lampe drauf und aushärten! Und weiter geht’s – Schicht für Schicht! Fertig! OK, vielleicht noch n bisschen zu hoch – Kofferdam runter und das Opfer vorsichtig auf die Okklufolie beißen lassen – ist eigentlich unnötig, da die Bisssperrung auf der Gegenseite schon aussagekräftig ist – also fleißig einschleifen – OK, sieht nicht mehr so toll aus aber passt von der Höhe – Lämpchen an – vorzeigen – Assistenzärztin scheint zufrieden – soweit do gut – schnell den Patienten verabschieden und die kleine Assistentin ans Aufräumen schicken, man muss sich ja schließlich um die Akten kümmern – schnell alles hingekritzelt was man gemacht hat – Lämpchen an – Unterschriften holen – Blick auf die Uhr: Mist – schon zwanzig nach zwölf – gleich geht die Parovorlesung los – hoch zum Raucherraum und ne Kippe statt Mittagessen: hält schlank! Ab in die Parovorlesung und 45 Minuten Schlaf nachholen…
Der nächste Patient wartet auf seine Unterstützende Parodontitis Therapie – der Magen knurrt – noch ne schnelle Kippe im Raucherraum und ein fieses Brötchen aus dem Automaten ziehen – Mist, eins vom Vortag erwischt – kein Kleingeld mehr für`n neues – egal: einfach mit Mezzomix – ebenfalls aus dem Automaten – runterspülen! So, nun aber schnell in die PA – alles in Frischhaltefolie einpacken – man könnte ja was kontaminieren – Studenten sind eh generell unsauber – UPT in einer Stunde fertiggemacht – fast alles sauber – nach dem mitleidigen Blick des Assistenzarztes noch n bisschen Nachbessern und FERTIG! Feierabend – aber erst noch ne Kippe im Raucherraum – mit den Helferinnen die neusten Gerüchte tauschen, welcher Assistenzarzt gestern auf der Party mit welcher Studentin geknutscht hat – und dann schnell runter zum Spind – Klinikdress weg, Breitling wieder ans Handgelenk und schnell raus aus dem Laden, rein in den sonnigen Nachmittag! Mit dem Cabrio schnell in die City und erstmal n bisschen shoppen – mal sehen, was Lui so für neue Shirts aus BellaItalia am Start hat – n schnellen Espresso und ne Kippe beim Pläuschen mit dem Verkäufer – man ist ja schließlich Stammkunde und die goldene APO-Bank Visa kennt kein Limit – mit n paar Kommilitonen aus dem Semester zum Abendessen verabreden und dann ab nach Hause – die BWLerin ist weg – puh – noch zwei Stündchen schlaf nachholen…
War da nicht noch was – Mist, morgen soll ja ein englischer Fachartikel in der Parovorlesung präsentiert werden – egal, kann man ja auch morgen früh noch lesen – ab ins Städchen zum Stammitaliener mit der besten Steinofenpizza der Stadt: quasi die „Zahnimensa“ – OK halbe Stunde zu spät aber Tisch ist eh noch leer, man trifft sich ja mit anderen Zahnis – dann trudeln die Kollegen ein – neben den heroischen Geschichten der letzten Partynacht werden selbstverständlich auch Fachthemen angesprochen und die eigenen Behandlungsleistungen des Tages hervorgehoben – scheiße: Philipp hat heute wieder mal zwei „dreiflächige“ gemacht, da kann ich mit meiner „okklusalen“ natürlich nicht gegen anstinken – dafür bringe ich die BWLerin ins Spiel – gepunktet! OK, es geht eben immer nur um`s Punkte machen – das ganze Leben ist doch ein Testatbogen, oder?!
Halb eins – nun aber ab nach Hause – die Freundin kommt morgen Mittag ja schließlich schon zum Wochenende nach Hause – ist schon schade, dass Sie hier keinen Studienplatz bekommen hat… SCHERZ!
Mit dem Gedanken an die Endo morgen Vormittag ins Bett und selig mit der Gewissheit einschlafen, einen weiteren Tag auf dem Weg zum Zahnarztsein gemeistert zu haben…
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