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Andere Länder sind beim Nichtraucherschutz deutlich weiter als Deutschland

Bild: shutterstock / Joanna Dorota

Deutschland liegt beim Thema Nichtraucherschutz deutlich hinter anderen Ländern zurück. In der Europäischen Tabakkontrollskala belegt Deutschland zusammen mit Österreich immer den letzten Platz, was auch an dem Flickenteppich im Nichtraucherschutz mit Ausnahmeregelungen in der Gastronomie liegt. Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel, den Medizinsoziologen der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und weitere internationale Mitautoren in der Fachzeitschrift „Nicotine & Tobacco Research“ publiziert haben, legt den Nachholbedarf Deutschlands beim Nichtraucherschutz nahe.

Dafür haben die Autoren um Dr. Martin Mlinarić vom Institut für Medizinische Soziologie 43 internationale Studien aus den Jahren 2004 bis 2015 unter die Lupe genommen, die sich mit der Umsetzung und Effektivität von Rauchverboten in verschiedenen Ländern auf lokaler Ebene befasst haben, und diese inhaltlich ausgewertet. Diese wissenschaftliche Arbeit ist Teil des sogenannten SILNE-R-Projekts, in dem europaweit zum Rauchverhalten von Kindern und Jugendlichen sowie der konkreten Implementierung von Präventionsstrategien geforscht wird. SILNE steht für Smoking Inequalities - Learning from Natural Experiments und ist ein Projekt, das im Rahmen des Horizon2020-Programms der Europäischen Union mit rund drei Millionen Euro gefördert wird, wovon Halle rund 360.000 Euro erhalten hat.

Ausgewählt wurden Studien, die einen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess (peer-review-Verfahren) durchlaufen haben, sich mit lokalen Rauchverboten auf der Ebene von Städten und Kommunen befasst haben. „Insbesondere im angelsächsischen Raum sowie in China ist dazu häufig geforscht worden, während es im kontinentaleuropäischen Raum weniger Studien dazu gab, wie die Umsetzung von Rauchverboten gelungen ist, beziehungsweise, welche Faktoren dazu geführt haben, dass es damit klappt oder eben auch nicht“, sagt Mlinarić, Erstautor des Artikels.

„Der Schutz von Kindern wird in Ländern wie Australien oder den USA deutlich strikter gehandhabt, beispielsweise mit Rauchverboten in öffentlichen Parks, an Stränden, auf dem Uni-Campus oder auf Spielplätzen. In Kalifornien wird die Tabaksteuer sogar zweckgebunden für Rauchpräventionsprogramme verwendet. In Europa bezieht sich der Nichtraucherschutz nach wie vor mehr auf Verboten in Innenräumen und auch im Hinblick auf zukünftige Verbesserungen ist man weitgehend saturiert“, so Mlinarić.

In Deutschland bestehe hingegen beispielsweise die Schwierigkeit, dass aufgrund des föderalen Systems Rauchverbote unterschiedlich umgesetzt werden, die Industrie von der Politik im Rahmen des Korporatismus angehört werde, Entscheidungsprozesse komplexer und dahingehend in anderen Ländern leichter seien. „Das sieht man beispielsweise daran, dass es bereits beim Rauchverbot für die Gastronomie in den deutschen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird, weil die Gesetzgebung Ländersache ist. Spielplätze hingegen liegen in kommunaler Verantwortung, da kann es jede Stadt theoretisch anders machen und das sieht in Deutschland dementsprechend noch sehr uneinheitlich aus“, sagt er. Deshalb brauche es Studien, aber auch Artikel wie den nun veröffentlichten, um politischen Entscheiderinnen und Entscheidern belastbare Daten präsentieren zu können, die zur Verbesserung von Rauchverbotsstrategien und zum Erreichen von WHO-Zielen des „Gesunde-Städte-Netzwerks“ beitragen. Die Strategien, die zum Erfolg der Einführung und Implementierung von Rauchverboten führen, seien dabei in einigen Ländern ähnlich.

Die Autoren fanden anhand der Studien heraus, dass es drei grundlegende Mechanismen braucht, um Rauchverbote zu entwickeln und umzusetzen: Vertrauen schaffen, Prioritäten setzen und Widerstand limitieren. Das heißt, in dem lokale Meinungsumfragen Daten zur öffentlichen Zustimmung bereitstellen und koordinierte Programme etabliert werden, entstehe eine nachhaltige Entwicklung und politischer Wille zur Tabakkontrolle. Außerdem sei diese stärker von Erfolg gekrönt, wenn es eine entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung gebe, um eine langfristige Priorisierung zu gewährleisten. Der Widerstand könne des Weiteren eingeschränkt werden, indem der sogenannte „Kinder-Faktor“ betont werde, also die Passivrauchbelastung von und Vorbildfunktion für Kinder, was dazu führe, dass rauchfreie Umwelten auch im Freiluftkontext konsequenter geschaffen werden. Davon lassen sich selbst Raucher sowohl in Nichtraucherzonen im Innen- wie auch Außenbereich überzeugen, was wiederum zu einer geringeren Sichtbarkeit des Rauchens führe und somit auch darin münde, dass es nicht mehr als „normal“ wahrgenommen werde.

„Es wird natürlich auch weiterhin in dem Bereich und vor allem zu der Frage von Verboten im Freiluftkontext oder privater Umgebung wie Mietwohnungen geforscht, allerdings hat sich der Fokus in der Tabakkontrollforschung in den letzten Jahren stark in Richtung E-Zigaretten verschoben. Die Innovation der E-Zigarette wirkt wiederum auch dynamisch auf die Frage des Nichtraucherschutzes. „Seit Juni 2018 wird aber beispielsweise auch über einen Vorstoß der Gesundheitsministerkonferenz über das bundesweite Rauchverbot in Autos bei Anwesenheit von Minderjährigen und Schwangeren debattiert, was in vielen EU-Ländern wie Irland und Italien bereits implementiert worden ist“, sagt Mlinarić. Denn die Passivrauchbelastung sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, selbst bei geöffnetem Fenster, höher als die Exposition in einer durchschnittlichen Raucherkneipe.


(DOI: 10.1093/ntr/nty206) 

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