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Der Faktor Zeit in der Arzt-Patienten-Beziehung

Prof. Dr. Peter F. Matthiessen
Bild: Uni W/H

„Noch immer kommt der Berücksichtigung der zeitlichen Aspekte in der Medizin und der angemessenen Zeitfenster in der Patient-Arzt-Begegnung die Rolle eines Stiefkindes zu“, sagt Prof. Dr. Peter F. Matthiessen, Leiter des Bereichs Methodenpluralität in der Medizin an der Universität Witten/Herdecke (UW/H). „Ärzte nehmen sich zu wenig Zeit – das ist ein in der Bevölkerung immer wieder erhobener Vorwurf. Bei der Schilderung seiner Beschwerden wird ein Patient statistisch gesehen nach 15 Sekunden vom Arzt unterbrochen. Der Fragestil einer großen Mehrheit der Ärzteschaft ist inquisitorisch: Die Patienten kommen aus Zeitmangel kaum zu Wort oder ihre Einlassungen werden nicht entsprechend gewürdigt.“

Laut Matthiessen Grund genug, der Frage nach der Rolle der Zeit in der Medizin und den angemessenen Zeiträumen für die Patientenbetreuung einmal auf den Grund zu gehen. Dies geschah im vergangenen Jahr auf einem Symposium des Dialogforums Pluralismus in der Medizin, dessen Vorsitzender Sprecher Prof. Matthiessen ist. Die Beiträge der Veranstaltung hat er nun in dem Buch „Zur Bedeutung der Zeit in der Medizin. Für eine zeitliche Kultivierung der Patient-Arzt-Begegnung“ herausgegeben.

„Die Patientenversorgung lebt von und durch die Beziehung zwischen Arzt und Patient“, schreibt Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlins, im Vorwort des Buches. „Diese Beziehung aufzubauen und zu pflegen, braucht Zeit. Anamnese und Befund, Grundlage für gutes ärztliches Tun, brauchen Zeit. Zeit ist essentiell zum Nachdenken über sein Handeln, für Gespräche mit Patienten, Angehörigen, Kollegen und anderen Gesundheitsberufen, die – idealerweise im Team – an der Versorgung beteiligt sind. Zeit wird gebraucht für die weitere Qualifikation, zum Lesen, für Seminare und Kongresse, für ärztliche Bildung generell. Zeit, die im System nicht vorgesehen ist. Zeit ist essentiell für Sorgfalt. Sie ist essentiell für Zuwendung.“

Der Tagungsband enthält Beiträge renommierter, auf dem Feld der Chronomedizin führender Ärzte und Wissenschaftler, die den Problembereich Zeit in der Patientenversorgung aus unterschiedlichen, aber sich wechselseitig ergänzenden Perspektiven ins Blickfeld nehmen.,Dabei werden u.a. folgende Themen behandelt: medizingeschichtliche Aspekte der Zeit, Bedeutung der Geduld für die Medizin, Rolle des Schlafs für Gesundungs- und Lernprozesse, Bedeutung der Zeit in der therapeutischen Beziehung und in der Palliativmedizin, Zeiterleben in Gesundheit und Krankheit, Zeit in der Psychiatrie, Zeit in der Sprechstunde, bei der Krankenhausvisite und aus Patientenperspektive sowie des Instituts für Zeitkompetenz.

Somit vermittelt das Buch erstmals und auf hohem Niveau einen ebenso umfassenden wie differenzierten Überblick über die unterschiedlichen Zeitbegriffe in der Patientenbetreuung. Es ist daher in hohem Maße lesenswert für Ärzte aller Fachrichtungen, für Vertreter aller nichtärztlichen Berufe im Gesundheitswesen und für einen jeden Bürger, der ernsthaft an einer Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Zeit in der Medizin und im Gesundheitswesen interessiert ist.


Peter F. Matthiessen: Zur Bedeutung der Zeit in der Medizin. Für eine zeitliche Kultivierung der Patient-Arzt-Begegnung.
ML  Verlag, 2018
ISBN: 978-3-947566-28-0

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