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Studierende nutzen Online-Informationen oft wenig kritisch

Bild: rawpixel.com

Das Internet und die Sozialen Medien gehören heute zu den am häufigsten genutzten Informationsquellen. Auch Studierende lernen oft lieber mit Hilfe von Online-Informationen als mit den herkömmlichen Unterrichtsmaterialien der Universitäten. Allerdings haben sie Schwierigkeiten, Informationen aus dem Internet angemessen kritisch einzuschätzen und lassen sich von unzuverlässigen Quellen beeinflussen. Dies ergab eine Studie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und an der Goethe-Universität Frankfurt, bei der Studierende verschiedener Fachrichtungen wie der Medizin und der Wirtschaftswissenschaften an einem Online-Test, dem Critical Online Reasoning Assessment (CORA), teilnahmen.

„Wir müssen leider feststellen, dass ein großer Teil der Studierenden sich von nicht relevanten und unzuverlässigen Informationen aus dem Internet verleiten lässt, wenn es darum geht, eine bestimmte Aufgabe zu beantworten“, stellt Prof. Dr. Olga Zlatkin-Troitschanskaia von der JGU dazu fest. Die Studie erfolgte im Rahmen der Kooperation der Rhein-Main-Universitäten (RMU).

Beurteilung von Online-Informationen und Online-Quellen heute besonders wichtig

Lernen mit Hilfe des Internets bietet viele Möglichkeiten, allerdings auch gewisse Risiken. Es ist mittlerweile bekannt, dass im Netz nicht nur „Fake News“ verbreitet werden, sondern dass auch „Fake Science“ mit wissenschaftlich nicht korrekten Informationen zirkuliert. Die Problematik betrifft kontrovers diskutierte gesellschaftliche Themen wie aktuell die Corona-Krise, sie geht jedoch noch viel tiefer. „Eine kritische Grundhaltung allein reicht nicht aus. Vielmehr sind Kompetenzen gefragt, die es Internetnutzern ermöglichen, verlässliche von fehlerhaften und manipulativen Informationen zu unterscheiden. Für Studierende wäre es daher besonders wichtig, Online-Informationen zu hinterfragen und kritisch zu betrachten, um das eigene Fachwissen auf verlässlichen Informationen aufzubauen“, so Olga Zlatkin-Troitschanskaia.

Um den Umgang von Studierenden mit Online-Informationen zu untersuchen, haben Olga Zlatkin-Troitschanskaia und ihr Team einen neuen Test entwickelt, der sich an dem „Civic Online Reasoning“-Assessment der amerikanischen Universität Stanford orientiert. Im Test werden den Probanden kurze Aufgaben präsentiert. Sie sollen dann frei im Internet recherchieren und sich dabei auf relevante und zuverlässige Informationen konzentrieren, um die Testfragen in der vorgegebenen, relativ kurzen Zeit von 10 Minuten zu beantworten. Die Antworten sind dabei jeweils mit Argumenten aus den genutzten Online-Informationen zu begründen.

CORA-Testung erfordert komplexe Analyse und aufwändige Auswertung

In die Auswertung der Ergebnisse geht zum einen die Antwort der Probanden auf die Testfrage ein. Zum anderen wird der komplette Rechercheverlauf im Internet während der Aufgabenbearbeitung aufgezeichnet, um Stärken und Schwächen beim Umgang mit Online-Informationen genau zu untersuchen. „Wir sehen, auf welchen Seiten die Studierenden recherchiert haben und welche Informationen sie benutzt haben. Die Auswertung des gesamten Bearbeitungsprozesses erfordert komplexe Analysen und ist sehr aufwändig“, sagt Olga Zlatkin-Troitschanskaia. Die Untersuchungen fanden bislang in zwei verschiedenen Bundesländern statt. Dabei wurden 160 Studierende verschiedener Fachrichtungen getestet; die meisten Probanden studierten Medizin oder Wirtschaftswissenschaften und waren im ersten oder zweiten Semester.

Fähigkeiten zum kritischen Umgang mit Online-Informationen sollten im Studium gezielt gefördert werden

Das Ergebnis ist ernüchternd: Fast alle Probanden hatten Schwierigkeiten mit den Aufgaben. Im Durchschnitt erreichten die Studierenden auf einer Skala von 0 bis 2 Punkten je Aufgabe nur 0,75 Punkte, die Spannweite betrug 0,50 bis 1,38 Punkte. „Der Großteil der Studierenden zog überhaupt keine wissenschaftlichen Quellen zurate“, sagt Zlatkin-Troitschanskaia mit einem Hinweis darauf, dass kein besonderes Fachwissen vorausgesetzt wurde. „Wir untersuchen immer wieder neue Gruppen von Studierenden und die Testung wird auch als Längsschnittstudie fortgesetzt. Seit Beginn der Untersuchungen vor zwei Jahren zeigen sich bislang immer wieder die gleichen Ergebnisse in den wiederholten Testungen, nämlich eine Punkteverteilung im unteren Bereich.“ Allerdings schneiden die Studierenden in den höheren Semestern etwas besser ab, als die Studierenden im ersten Studienjahr. Die Kompetenzen könnten somit im Studium gefördert werden. In den USA konnte mit gezielten Übungen ein deutlicher Kompetenzzuwachs bereits nach einigen Wochen festgestellt werden.

Die Studie zeigt, dass es den meisten Studierenden nicht gelingt, in der vorgegebenen Zeit die Internetangebote richtig einzuschätzen und relevante Informationen von zuverlässigen Quellen aus dem Internet hinzuzuziehen, um die Testfragen zu beantworten. „Wie andere Studien zeigen, können Studierende die Zuverlässigkeit bekannter Medienportale und Internetangebote sehr wohl angemessen einschätzen. Darauf sollte man aufbauen und die Kompetenzen fördern, auch neue Quellen und Informationen kritisch einzuordnen und das Internet reflektiert zum Wissensaufbau zu nutzen“, so Olga Zlatkin-Troitschanskaia.

In der Forschung werden Fähigkeiten zum kritischen Umgang mit Informationen und digitalen Quellen als essentiell für das Lernen im 21. Jahrhundert angesehen. Entsprechende Übungsaufgaben und Tests für die Studierenden gibt es aber noch sehr wenige, besonders für den Online-Bereich. „Die RMU-Studie steht mit dem ersten Test dieser Art in Deutschland auch noch am Anfang“, räumt Zlatkin-Troitschanskaia ein. „Wir sind dabei, Lehr-Lernmaterialien und Trainings zu entwickeln und auf ihre Wirksamkeit zu testen. Die Auswertung der Bearbeitungsdaten birgt dafür ein besonders hohes Potenzial, um Studierenden künftig gezielte Förderung anzubieten.“

Die Rhein-Main-Universitäten (RMU)

Die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Technische Universität Darmstadt bilden als renommierte Forschungsuniversitäten die RHEIN-MAIN-UNIVERSITÄTEN. Sie entwickeln ihre Partnerschaft seit über zehn Jahren und haben sie mit Abschluss einer Rahmenvereinbarung in 2015 zur strategischen Allianz ausgebaut.

Die drei Universitäten liegen in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main in großer räumlicher Nähe und bieten ein breites Fächerspektrum von der Medizin und den Naturwissenschaften über die Geistes- und Sozialwissenschaften bis hin zu den Ingenieurwissenschaften. Mit über 100.000 Studierenden und 1.460 Professuren kooperieren sie eng in Forschung, Studium und Lehre, der Förderung von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie dem Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft.

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